Der deutsche Dichter Heinrich Heine (1797-1856) schrieb sein satirisches Versepos „Deutschland. Ein Wintermärchen“ aus dem die folgenden 20 Strophen stammen, zwischen Januar und Mai 1844. Er schildert darin satirisch die politische Entwicklung in seinem Heimatland, das er im Mai 1831 verlassen hatte, um in Paris Zuflucht zu finden. Das Werk, das für die allermeisten Leser heute wegen seiner zahllosen aktuellen politischen Anspielungen kaum mehr zu verstehn sein wird, umfasst 27 Kapitel („Capita“) mit insgesamt mehr als 500 vierzeiligen Strophen, also mehr als 2.000 Verse. Anlass für das seinerzeit Aufsehen erregende Werk war eine Reise Heines nach Deutschland im November 1843. Die folgenden 20 Strophen sind ganz sicher die bekanntesten dieses riesigen Werks, das dem Satiriker und scharfen Kritiker am damals herrschenden “Polizeistaat” Deutschland in der fernen Heimat nicht nur Ruhm einbrachte, sondern auch Einkommen. Das gesamte Epos finden Sie übrigens unter “balladen.de” im Internet.
An English translation by A.S. Kline will follow the German lines
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Deutschland. Ein Wintermärchen
Heinrich Heine
Caput I
Im traurigen Monat November war’s,
Die Tage wurden trüber,
Der Wind riß von den Bäumen das Laub,
Da reist ich nach Deutschland hinüber.
Und als ich an die Grenze kam,
Da fühlt ich ein stärkeres Klopfen
In meiner Brust, ich glaube sogar
Die Augen begunnen zu tropfen.
Und als ich die deutsche Sprache vernahm,
Da ward mir seltsam zumute;
Ich meinte nicht anders, als ob das Herz
Recht angenehm verblute.
Ein kleines Harfenmädchen sang.
Sie sang mit wahrem Gefühle
Und falscher Stimme, doch ward ich sehr
Gerühret von ihrem Spiele.
Sie sang von Liebe und Liebesgram,
Aufopfrung und Wiederfinden
Dort oben, in jener besseren Welt,
Wo alle Leiden schwinden.

Sie sang vom irdischen Jammertal,
Von Freuden, die bald zerronnen,
Vom Jenseits, wo die Seele schwelgt
Verklärt in ew’gen Wonnen.
Sie sang das alte Entsagungslied,
Das Eiapopeia vom Himmel,
Womit man einlullt, wenn es greint,
Das Volk, den großen Lümmel.
Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,
Ich kenn auch die Herren Verfasser;
Ich weiß, sie tranken heimlich Wein
Und predigten öffentlich Wasser.
Ein neues Lied, ein besseres Lied,
O Freunde, will ich euch dichten!
Wir wollen hier auf Erden schon
Das Himmelreich errichten.
Wir wollen auf Erden glücklich sein,
Und wollen nicht mehr darben;
Verschlemmen soll nicht der faule Bauch,
Was fleißige Hände erwarben.

Es wächst hienieden Brot genug
Für alle Menschenkinder,
Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,
Und Zuckererbsen nicht minder.
Ja, Zuckererbsen für jedermann,
Sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen.
Und wachsen uns Flügel nach dem Tod,
So wollen wir euch besuchen
Dort oben, und wir, wir essen mit euch
Die seligsten Torten und Kuchen.

Ein neues Lied, ein besseres Lied!
Es klingt wie Flöten und Geigen!
Das Miserere ist vorbei,
Die Sterbeglocken schweigen.
Die Jungfer Europa ist verlobt
Mit dem schönen Geniusse
Der Freiheit, sie liegen einander im Arm,
Sie schwelgen im ersten Kusse.
Und fehlt der Pfaffensegen dabei,
Die Ehe wird gültig nicht minder –
Es lebe Bräutigam und Braut,
Und ihre zukünftigen Kinder!
Ein Hochzeitkarmen ist mein Lied,
Das bessere, das neue!
In meiner Seele gehen auf
Die Sterne der höchsten Weihe –
Begeisterte Sterne, sie lodern wild,
Zerfließen in Flammenbächen –
Ich fühle mich wunderbar erstarkt,
Ich könnte Eichen zerbrechen!
Seit ich auf deutsche Erde trat,
Durchströmen mich Zaubersäfte –
Der Riese hat wieder die Mutter berührt,
Und es wuchsen ihm neu die Kräfte.

In the sad month of November, it was,
The days were growing darker,
The wind was tearing the leaves from the trees,
When, to Germany, I crossed over.
And as I approached the border,
I felt my heart pounding harder,
Deep in my chest; I even think
My eyes had begun to water.
And when I heard German spoken,
I felt something strange inside,
As if my heart was bleeding,
Or, most pleasantly, liquified.
A maid, to a harp, was singing,
She sang with feeling; it’s true,
In a high-pitched voice, but her playing
Moved me most deeply, anew.
She sang of love and heartache,
Of sacrifice, and renewal,
Up there, in a better world,
Where none suffer, and none are cruel.
She sang of our earthly vale of tears,
Of pleasures enjoyed in vain,
Of the afterlife, where souls in bliss,
Transfiguration, attain.
She sang of renunciation,
Of a heaven, above the steeple,
With which they lull it, when it moans,
That rascally thing, the People.
I know the tune, I know the text,
I also know the authors,
I know, in secret, they drank wine,
In public, drank the waters.
A new song, and a better song,
My friends, I’ll pen for you!
The kingdom of heaven we’ll have
On Earth; it’s overdue.
It’s here we want to be happy,
And suffer pain no more.
Idle mouths shall not consume
What busy hands ensure:
Enough bread for everyone,
To feed all humankind,
Roses, myrtle, beauty, joy,
And sugar-snaps spring to mind.
Yes, sugar-snaps for everyone,
As soon as the pods are ripe!
Leave heaven to the angels,
‘And the sparrows’, they pipe.
And if we grow wings when we die,
We’ll come and visit you,
Up there, above, and eat a cake,
And a blissful pie or two.
A new song, and a better song,
Set for flutes and violins!
Misery and woe are over,
Death is ended, life begins.
Europa, the maiden, is betrothed
To freedom; O joy and bliss,
They lie close, in each other’s arms,
And revel in their first kiss.
And though a priest is lacking,
The marriage is valid no less –
Long live the bride and groom,
And the children they will bless!
An epithalamion is my song,
Of a new, a purer gestation.
In my soul, the stars ascend,
Of a nobler consecration.
Ardent stars, they wildly blaze
Melting to streams of fire –
I feel a wondrous strength,
I could shatter oaks entire!
Now I’m here on German soil,
A magic elixir fills my veins –
The giant touches mother earth,
And his powers he regains.
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