English translation following this story and backgrounder
“Holzklasse” für die Massen – Bahnfahrt 3. Klasse nach Agra
… zum Taj Mahal und Fathepur Sikri
Bilder von indischen Eisenbahnen kennen wir meist nur von schlechten Nachrichten! Chaos auf den Bahnsteigen baufälliger Bahnhöfe; Menschenmassen, die sich mit schwerem Gepäck in überfüllte Wagen zwängen; Dutzende “blinder Passagiere” auf Dächern fahrender Züge, die dort ihr Leben riskieren. Dazu die Nachrichten von schwersten Unglücken mit oft Dutzenden, ja hunderten Opfern. Trotz all dieser immer wiederkehrenden düsteren Nachrichten, über die ich 5 Jahre lang als Korrespondent in Neu Delhi immer wieder berichten musste, hat es mich immer gereizt, einmal selbst mit einem dieser reichlich marode wirkenden Züge zu fahren.
Kann man als verwöhnter Europäer denn eine solche Fahrt in überfüllten Waggons und Abteilen der “General Class” – der indischen Holzklasse – unbeschadet überstehen? Stundenlang auf dünn und hart gepolsterten, engen Sitzbänken, eingeklemmt zwischen Menschen, deren Kultur und Sprache man nicht wirklich kennt? Während unserer Jahre in Delhi hatte ich das nie geschafft. Gewarnt auch durch ständige Berichte über zahlreichen Unglücke. Natürlich hätte ich auch eine Tour mit dem berühmten “Palace on Wheels” buchen können, einem Luxus-Reisezug , der dem “Orient Express” nachempfunden wurde. Denn natürlich gehört auch dies zu den indischen Einsenbahnen.
Doch 25 Jahre nach unserer Abreise aus Indien und fünf weiteren Besuchen auf dem Subkontinent wagte ich das “Abenteuer”. Gute Freunde in Neu Delhi hatten mir im lauen Monat November eine Ticket in der Holzklasse nach Agra (250 Kilometer) mit Platzreservierung gebucht. Zuvor hatte ich von Hamburg aus “online” ein einfaches Hotelzimmer nahe dem Taj Mahal gefunden. Für umgerechnet 10 Euro mit Frühstück und einem “Kaltgetränk” zum Empfang.
Platzreservierung? Nein Danke
Die Reise begann wie erwartet. Hunderte Fahrgäste warteten schon seit Stunden auf den Zug, der natürlich Verspätung hatte. Alle Reisenden versuchten gleichzeitig, aber friedlich, Ihre Abteile zu stürmen. Obwohl ich kein Gepäck hatte, schaffte ich es reichlich spät zu meinem reservierten Sitzplatz. Doch genau dort saß schon eine jüngere, rundliche Frau, die auch den Sitz daneben mit ihrem Gepäck belegt hatte. Auch wenn keiner von uns die Sprache des anderen sprach, einigten wir uns mit Hilfe von Mitreisenden, die auch kein Englisch sprachen, darauf, dass ich diesen Platz, direkt am Durchgang zu den anderen Abteilen einnehmen sollte.
Das befürchtete Chaos bei der Platzwahl blieb auch in anderen Abteilen aus, und plötzlich wurde es ruhig im Abteil: Der Zug setzte sich in Bewegung, während die meisten Mitreisenden andächtig die Hände zum Gebet falteten. “Beim Zustand der indischen Bahnen vielleicht keine schlechte Idee” dachte ich. Langsam, sehr langsam sogar, machte sich die Bahn auf den Weg Richtung Osten.
Indien ist ein riesiges Land mit mehr als 1,4 Milliarden Menschen. Die Ost-West-Ausdehnung würde in Europa vom Ural bis zur Atlantikküste reichen. Die Strecke vom äußersten Norden bis zur Südspitze entspricht in Europa der Distanz vom Nordkap (Norwegen) bis nach Kreta oder Gibraltar. Wer solche Strecken in den unklimatisierten Wagen der Staatsbahn zurücklegen will und sich – wie hunderte Millionen Inder keinen Flug leisten kann, ist oft viele Tage unterwegs. Besonders quälend wird die Fahrt in den langen Sommermonaten. Zwar haben selbst die Wagen der Holzklasse massive Ventilatoren eingebaut, und die Fenster haben keine Scheiben, doch bei den vergleichsweise niedrigen Geschwindigkeiten der Züge lindert der geringe Fahrtwind die Hitze des Tages nur wenig.
Für die etwa 250 Kilometer bis zum Bahnhof von Agra brauchte mein von einer E-Lok gezogener Zug knapp fünf Stunden; nicht zuletzt, weil er an jedem, auch dem kleinsten Bahnhof für längere Zeit hielt. Doch nur wenige Minuten nach der Abfahrten begannen die ersten Fahrgäste, ihr mitgebrachtes Essen auszupacken und zu frühstücken. Sie boten mir natürlich etwas von ihrem Mitgebrachten an, und ich ließ eine Schachtel mit indischen Keksen herumgehen.
Wir hatten uns, wie gesagt, schnell darauf geeinigt, das wir einander nicht verstehen würden. 25 Jahre nach meiner Abreise aus Indien hatte ich die wenigen Worte Hindi, die ich damals gelernt hatte, vergessen, und meine Mitreisenden sprachen kein Wort Englisch. Und doch behandelten sie mich, den alten Mann mit weißem Haar und Bart, mit äußerster Freundlichkeit. Nach ihrem Gebet und dem Frühstück zeigten meine Mitreisenden Ermüdungserscheinungen. Wer weiß, wie lange sie vor der Abfahrt in Delhi schon unterwegs gewesen waren.
Innerhalb weniger Minuten hatten sich die zehn Mitfahrer über die zwei Sitzbänke sowie die massiven, eisernen Etagenliegen (ohne Polster!) verteilt. Indiens arme Bevölkerung – eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung – kennt westlichen Luxus bestenfalls aus der künstlichen Welt Bollywoods, und trotz des Fahrlärms und der ständigen Störungen anderer Passagiere und zahlreicher Händler, die Essen verkaufen wollten, schlief schon bald der halbe Zug, während ich mich mit meiner Kamera auf den Weg machte. Die Szenen glichen sich von Abteil zu Abteil.
Bald danach kam wieder ein Essensverkäufer, dann ein Schuhputzer, dann ein Fahrkartenkontrolleur im schwarzen Anzug, der in unserem Abteil zunächst irgendetwas zu beanstanden hatte, mich aber beflissentlich übersah. Dann kam noch ein Junge aus dem Nachbarsabteil, um sich mal einen alten, weißen Mann aus der Nähe zu betrachten. Meine Kekse wollte er nicht. Schließlich rollte der Zug in den Bahnhof von Agra ein und ich fand eine Motor-Rickshaw, die mich für ein paar Rupien zum Hotel fuhr, das wiederum nur wenige Hundert Meter vom Taj Mahal entfernt lag. Natürlich hatte ich mich von meinen indischen Mitfahrern herzlich verabschiedet, die hatten noch einen langen Weg bis nach Bhopal in Madhyia Pradesh vor sich. Bei dem Tempo unseres Zuges eine schier endlose und ermüdende Tagesreise.
Vergleichsweise wenige Bahnreisende in Indien
Auf den ersten Blick scheint die Zahl der Bahnreisenden in Indien überwältigend hoch: Schätzungen zufolge gibt es im volkreichsten Land der Welt mit einem der größten Eisenbahnnetze der Welt etwa 8 bis 9 Milliarden Bahnreisenpro Jahr. Im Durchschnitt nutzen täglich über 20 Millionen Menschen Indiens Bahnen. In Deutschland werden alljährlich bis zu 2,9 Milliarden Bahnfahrten gezählt, davon der größte Teil im Nah- und Regionalverkehr (etwa 150 Millionen Fernreisen). Damit liegt die Zahl der indischen Bahnnutzer zwar offiziell um drei Mal höher als in Deutschland, doch Indiens Bevölkerung ist rund 17 mal so groß wie die der Deutschen. Das zeigt, dass in Indien zwar enorme absolute Fahrgastzahlen erreicht werden, die Nutzung pro Einwohner aber deutlich geringer ist.
Gefährliches Reisen mit der indischen Staatsbahn?
Geht es nach der offiziellen indischen Statistik, dann ist das reisen mit den indischen Staatsbahnen und den inzwischen privatisierten moderneren Schnellbahnen eine ganz sichere Sache. “Klassische” Zugunglücke forderten im Haushaltsjahr 2024/25 lediglich 29 sogenannte „consequential train accidents“. Dabei kamen 17 Menschen ums Leben und 81 wurden verletzt. (nach “Tribune India”). Die Statistik umfasst Entgleisungen, Zusammenstöße, Brände, Unfälle an Bahnübergängen. Zählt man aber alle Todesfälle im Zusammenhang mit der Bahn zusammen, dann liegt die Zahl um ein Vielfaches höher. Doch diese Unfälle werden bisher Indienweit nicht zusammen erfasst.
Wenn man etwa Unfälle durch Personen auf Gleisen, Pendlerunfälle, Stürze aus Zügen, Bahnübergangsunfälle, Menschen auf Dächern oder Trittbrettern, und ähnliche Ereignisse mit einbezieht, dann starben 2025 allein im Großraum Mumbai (früher Bombay) nach Daten der dortigen Bahnpolizei 2287 Menschen im Zusammenhang mit dem Bahnverkehr. (Quelle: The Times of India). Und laut der indischen Kriminalstatistik (NCRB) wurden bereits 2023 landesweit 21 803 Todesfälle bei Eisenbahnunfällen registriert. Diese Zahl umfasst neben den klassischen Zugunglücken überwiegend Personenunfälle auf oder an Gleisen.
Zu den schwersten klassischen Bahnunfällendieses Jahres gehörte ein Zugunfall bei Jalgaon mit etwa 12 Toten im Januar 2025 und eine Massenpanik am Bahnhof Neu-Delhi im Februar 2025 mit etwa 18–20 Toten
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English translation follows this story and background piece
‘Economy class’ for the masses – a third-class train journey to Agra
… to the Taj Mahal and Fatehpur Sikri
We usually only see images of Indian railways in the news when something goes wrong! Chaos on the platforms of dilapidated stations; crowds of people squeezing into overcrowded carriages with heavy luggage; dozens of ‘stowaways’ on the roofs of moving trains, risking their lives there. Added to this are reports of catastrophic accidents, often claiming dozens, even hundreds, of victims. Despite all this recurring grim news – which I had to report on time and again during my five years as a correspondent in New Delhi – I’ve always been tempted to take a journey myself on one of these rather dilapidated-looking trains.
As a spoilt European, is it even possible to survive such a journey unscathed in the overcrowded carriages and compartments of ‘General Class’ – the Indian equivalent of economy class? Sitting for hours on narrow benches with thin, hard padding, wedged between people whose culture and language you don’t really know? During our years in Delhi, I’d never managed it. I’d also been put off by constant reports of numerous accidents. Of course, I could have booked a trip on the famous ‘Palace on Wheels’, a luxury train modelled on the ‘Orient Express’. After all, this too is part of the Indian railway system.
Yet 25 years after we left India, and following five further visits to the subcontinent, I ventured on this “adventure”. Good friends in New Delhi had booked me a third-class ticket to Agra (250 kilometres) with a reserved seat during the mild month of November. Beforehand, I’d found a simple hotel room near the Taj Mahal “online” from Hamburg. For the equivalent of 10 euros, including breakfast and a ‘cold drink’ on arrival.
Seat reservation? No, thank you
The journey began as expected. Hundreds of passengers had already been waiting for hours for the train, which was, of course, running late. All the travellers tried to rush into their compartments at the same time, but peacefully. Although I had no luggage, I managed to reach my reserved seat rather late. But a younger, plump woman was already sitting there, and she had also taken the seat next to it with her luggage. Even though neither of us spoke the other’s language, we agreed – with the help of fellow passengers who didn’t speak English either – that I should take this seat, right by the passageway to the other compartments.
The chaos I’d feared regarding seat selection didn’t materialise in the other compartments either, and suddenly it grew quiet in the compartment: the train began to move, whilst most of the fellow passengers reverently clasped their hands in prayer. “Given the state of the Indian railways, perhaps not a bad idea,” I thought. Slowly, very slowly indeed, the train set off towards the east.
India is a vast country with more than 1.4 billion people. Its east-west extent would stretch from the Urals to the Atlantic coast in Europe. The distance from the far north to the southern tip is equivalent, in Europe, to the distance from the North Cape (Norway) to Crete or Gibraltar. Anyone wishing to cover such distances in the non-air-conditioned carriages of the state railway – and who, like hundreds of millions of Indians, cannot afford to fly – is often on the move for many days. The journey becomes particularly gruelling during the long summer months. Although even the third-class carriages have large fans fitted and the windows have no glass, the slight draught from the train’s relatively low speed does little to alleviate the heat of the day.
My train, hauled by an electric locomotive, took just under five hours to cover the approximately 250 kilometres to Agra station; not least because it stopped for extended periods at every station, even the smallest ones. Yet just a few minutes after setting off, the first passengers began unpacking the food they’d brought with them and having breakfast. Naturally, they offered me some of what they’d brought, and I passed round a box of Indian biscuits.
As I said, we’d quickly agreed that we wouldn’t understand one another. Twenty-five years after I’d left India, I’d forgotten the few words of Hindi I’d learnt back then, and my fellow passengers didn’t speak a word of English. And yet they treated me, the old man with white hair and a beard, with the utmost kindness. After their prayers and breakfast, my fellow passengers began to show signs of fatigue. Who knows how long they’d been on the move in Delhi before setting off.
Within a few minutes, the ten passengers had spread out across the two benches and the solid, iron bunk beds (without cushions!). India’s poor – a clear majority of the population – know Western luxury, at best, only from the artificial world of Bollywood, and despite the noise of the train and the constant disturbances from other passengers and numerous vendors trying to sell food, half the train was soon asleep, whilst I set off with my camera. The scenes were much the same from compartment to compartment.
Soon afterwards, another food vendor appeared, followed by a shoe-shiner, then a ticket inspector in a black suit, who initially seemed to have something to complain about in our compartment but studiously ignored me. Then a boy from the neighbouring compartment came over to have a closer look at an old, white man. He didn’t want my biscuits. Finally, the train rolled into Agra station and I found a motor rickshaw that took me, for a few rupees, to the hotel, which in turn was only a few hundred metres from the Taj Mahal. Naturally, I had said a warm goodbye to my Indian fellow passengers, who still had a long journey ahead of them to Bhopal in Madhya Pradesh. At the speed of our train, that would have been a seemingly endless and exhausting day’s journey.
Relatively few rail passengers in India
At first glance, the number of rail passengers in India seems overwhelmingly high: according to estimates, in the world’s most populous country – which boasts one of the world’s largest railway networks – there are around 8 to 9 billion rail journeys per year. On average, over 20 million people use India’s railways every day. In Germany, up to 2.9 billion rail journeys are recorded each year, the majority of which are on local and regional services (around 150 million long-distance journeys). Although the official figure for Indian rail users is three times higher than in Germany, India’s population is around 17 times larger than that of Germany. This shows that, whilst India achieves enormous absolute passenger numbers, per capita usage is significantly lower.
Is travelling on the Indian State Railways dangerous?
According to official Indian statistics, travelling on the Indian State Railways and the now-privatised, more modern high-speed rail networks is perfectly safe. In the financial year 2024/25, there were only 29 so-called ‘consequential train accidents’. These resulted in 17 fatalities and 81 injuries. (According to “Tribune India”). The statistics cover derailments, collisions, fires and accidents at level crossings. However, if all rail-related fatalities are taken into account, the figure is many times higher. Yet, to date, these accidents have not been recorded collectively across India.
If, for example, one includes accidents involving people on the tracks, commuter accidents, falls from trains, level crossing accidents, people on roofs or running boards, and similar incidents, then in 2025, in the Greater Mumbai (formerly Bombay) area alone, 2,287 people died in connection with rail traffic, according to data from the local railway police. (Source: The Times of India). And according to Indian crime statistics (NCRB), 21,803 deaths in railway accidents had already been recorded nationwide by 2023. In addition to traditional train accidents, this figure predominantly comprises accidents involving people on or near the tracks.
Among the most serious traditional rail accidents this year were a train accident near Jalgaon in January 2025, which claimed around 12 lives, and a stampede at New Delhi railway station in February 2025, which resulted in around 18–20 deaths
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