Lebensfreude und Nationalstolz – Italiens Nationalflagge wehen sonnendurchflutet über einer Straße

Hier finden Sie die SW-Street-Bildergalerie zu diesem Feature

Und hier die Bilderserie “Neapel II in Farbe” 

English version following this report

Um es gleich zu sagen: Ich hatte da einen Fehler gemacht. Ich hatte ein Hotel ausgesucht, das nahe dem historischen Zentrum Neapels gelegen war. Es war ein Art-Hotel, verkehrstechnisch gut gelegen, wie es hieß. Nur wenige Hundert Meter vom Zentrum der Altstadt entfernt. Als wir am Abend nach unserer Ankunft aus Wien bei schönstem Maiwetter einen ersten Spaziergang wagten, merkten wir schnell, warum die Wahl vielleicht ein Fehler war. An der ersten Kreuzung schauten wir auf ein kleines Straßencafé gegenüber. Dort war ein ziemlich lauter Streit unter Gästen entbrannt. Ich nahm die Kamera (Canon 5D) hoch, drückte ab, und schon schlug neben uns  klirrend eine leere Flasche ein, die jemand aus dem Café in meine Richtung geworfen hatte. “Welcome to Napoli” rief uns ein junger Italiener zynischer im Vorübergehen zu. 

Solche Szenen sollte man tunlichst meiden und sie nicht auch noch fotografieren!!!

Der Fehler war schnell erkannt: Wir wohnten zwar nahe am Zentrum, aber noch näher am Hauptbahnhof und dessen Vorplatz, und hier trieben sich neben zahllosen Touristen auch ebenso zahllose Leute herum, die man getrost als “dunkle Gestalten” bezeichnen konnte. Und diese Leute (arme Leute, natürlich), darunter sehr viele Migranten aus Afrika, brauchten (natürlich!) Geld, oder sie wollten etwas verkaufen, darunter sicher auch Drogen, die wir aber nicht brauchten. Notfalls hätten sie natürlich auch Kameras genommen, die Touristen offen bei sich trugen. Ich selbst fühlte mich eher als Fotograf und deshalb nicht angesprochen, als wir in den nächsten Tagen regelmäßig angesprochen wurden von besorgten Neapolitanern, die meinten: “Passen Sie bloß auf ihre Kamera auf. Am Besten packen Sie sie in ihre Tasche! – Hier wird viel gestohlen!” 

Misstrauische und kamerascheue Männer sahen wir viele in Napoli

Dass solche gut gemeinten Ratschläge bei mir auf taube Ohren stießen, versteht sich. Erst recht, als wir auf dem Weg zum Bahnhof von einem Streifenwagen gestoppt wurden, und die Polizei mich drängte, die Kamera wegzupacken. Zwar war ich von nun an deutlich vorsichtiger beim Fotografieren und wickelte den Trageriemen der Kamera dreifach um mein Handgelenk, doch auf das Fotografieren wollte ich natürlich nicht verzichten. Und so bewegten wir uns bis unmittelbar vor unserer Rückreise unbehelligt durch die Stadt, besuchten die schönen Kirchen, Museen und andere Denkmäler, genossen Spaziergänge durch die große Altstadt, betrachteten die vielen Menschen in den stets gut besuchten Straßencafés und Restaurants und vermieden geschickt, von einer der zahllosen Vespas umgefahren zu werden, die mehr oder weniger laut knatternd – oft auch in Schlangenlinien – durch die Gassen und Fußgängerzonen fuhren. Gelegentlich kamen sie uns dabei bewusst recht nahe, und in diesen Fällen packte ich die Kamera schnell in meine sichere Umhängetasche.

Die Vespa oder andere Zweiräder prägen das Straßenild in der lebendigen Alstadt 

Neapel im Mai: Das ist Sonne pur bei wohlig-warmen Temperaturen. Die Neapolitaner leben in diesen Monaten wohl auf den Straßen in den Cafés, vor allem aber die jungen Frauen (die übrigens als die Schönsten im Lande gelten). Unser Lieblingsplatz war ein Café auf einer kleinen Piazza unterhalb des Konservatoriums in der Altstadt, wo ein bereits sehr weit fortgeschrittener Piano-Student (oder sein Lehrer??) bei offenen Fenstern eine Beethoven-Sonate einstudierte. Die Akustik an unserem Tisch war grandios. Man hätte sich keinen besseren Konzertplatz wünschen können, und so konnte ich mich kaum von diesem kostenlosen Klangereignis losreißen.

Sind die Frauen aus Napoli wirklich die schönsten im Lande?

Wir hatten uns für die fünf Urlaubstage in und um Neapel kein festes Programm gegeben, und so schlenderten wir eher ziellos durch die Altstadt mit ihrer Jahrtausende-alten und ereignisreichen Geschichte; wir besuchten die schönsten Kirchen, verbrachten Stunden im großartigen Archäologischen Nationalmuseum, fuhren mit der Bahn nach Herculaneum, besuchten den Vesuv und sahen die Amalfi-Küste und das grandios gelegene aber etwas überlaufene Positano. Für einen Street-Fotografen wie mich, ist Neapel – trotz der oben genannten Risiken – ein idealer Ort. Und so spazierten wir auch durch jene Viertel, vor denen die meisten Reiseführer Touristen gern warnen.

Irgendwann landeten wir dann auch im Park der Villa Comunale und setzten uns auf eine Parkbank, um die elegante Schönheit der Anlage zu genießen. Kurz darauf kamen drei Männer mittleren Alters  in dunklen Anzügen und nahmen auf einer Bank vor einem Denkmal Platz. Ich hob schnell meine Kamera, um die Szene festzuhalten, denn die drei Herren sahen aus und bewegten sich, wie man sich als naiver Ausländer die klassischen Mafiosi vorstellte. Dann versuchten sie, zwei Taschen auszutauschen, stoppten die Aktion jedoch sofort, als sie mich und die Kamera bemerkten. Unmittelbar danach verschwanden sie, während ich unschuldig in eine andere Richtung schaute.

Drei Mafiosi auf der Parkbank?

“Neapel sehen und sterben?” – Dieser Spruch („Vedi Napoli e poi muori“), der wohl Jahrhunderte alt ist, wird immer wieder auch Johann Wolfgang Goethe zugeschrieben, ist jedoch vermutlich deutlich älter. Goethe schrieb in seiner “Italienischen Reise”: “„Neapel ist ein Paradies: jeder lebt in einer Art Trunkenheit der Selbstvergessenheit.“ Das drückt kaum weniger deutlich das Erstaunen des Besuchers über das  schöne Erscheinungsbild der Stadt aus. Das Neapel von heute hat zwar im Alltag eine überdurchschnittliche Kriminalitätsrate, vor allem bei Diebstählen, Taschendiebstählen und organisierter Kriminalität – doch physische Gewalt gegen Touristen gehört nicht zu den systematischen Verbrechen und findet sich in keiner offiziellen Statistik.

Und doch geschehen solche Übergriffe vermutlich täglich und werden auch angezeigt. Mir passierte das in den letzten Stunden unseres sechs-tägigen Aufenthalts auf dem Rückweg zum Hotel. Ich stand auf dem Bürgersteig an einer Straßenkreuzung, wollte einen Schritt zurück gehen, um einen schlafenden Zeitungsleser zu fotografieren, als ein Motorroller mit hoher Geschwindigkeit dicht an mir vorbei fuhr. Der Mann auf dem Rücksitz schnappte nach meiner Kamera und wollte sie mir aus der Hand reißen. Doch hatte ich den Kameragurt so fest um das Handgelenk gewickelt, dass der Fahrer der Vespa mit dem Roller fast stürzte und in Schlangenlinien ohne Beute entkam. Fünf Jahre später reiste mein Bruder in die Stadt. Er wurde in einer wenig besuchten Gasse beim Fotografieren geschlagen und beraubt. Man entriss ihm eine teure Armbanduhr. Seine Kameraausrüstung konnte er retten.

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ENGLISH VERSION

Joy of life and national pride – Italy’s national flag flies in the sunshine above a street

Here you will find the SW photo gallery for this feature

English version following this report

To be honest, I had made a mistake. I had chosen a hotel that was close to the city centre. It was supposed to be an art hotel, conveniently located for transport, or so they said. Only a few hundred metres from the centre of the old town. When we ventured out for our first walk in the evening after our arrival from Vienna in beautiful May weather, we quickly realised why our choice had been a mistake. Or maybe not? At the first crossroads, we looked at a small street café opposite. A rather loud argument had broken out among the guests there. I picked up my camera (Canon 5D), pressed the shutter, and immediately a bottle smashed next to us, thrown in my direction by someone from the café. ‘Welcome to Naples,’ a cynical young Italian called out to us as he passed by.

Scenes like this should be avoided at all costs and certainly not photographed!!!

The mistake was quickly recognised: we were staying close to the centre, but even closer to the main railway station and its forecourt, where, in addition to countless tourists, there were just as many people who could confidently be described as ‘shady characters’. And these people (poor people, of course), including many migrants from Africa, needed (of course!) money, or they wanted to sell something, including drugs, which we did not need. If necessary, they would of course have taken cameras that tourists carried openly with them. I myself felt more like a photographer and therefore not addressed when, over the next few days, we were regularly approached by concerned Neapolitans who said: ‘Be careful with your camera. It’s best to put it in your bag! There’s a lot of theft here!’

We saw many suspicious and camera-shy men in Naples

It goes without saying that such well-intentioned advice fell on deaf ears. Especially when we were stopped by a patrol car on the way to the train station and the police urged me to put my camera away. From then on, I was much more careful when taking photos and wrapped the camera strap around my wrist three times, but of course I didn’t want to give up photography. And so, until just before our return flight, we moved unhindered through the city, visited the beautiful churches, museums and other monuments, enjoyed walks through the large old town, watched the many people in the always busy street cafés and restaurants, and skilfully avoided being run over by one of the countless Vespas that drove more or less noisily – often in zigzags – through the alleys and pedestrian zones. Occasionally, they deliberately came quite close to us, and in these cases I quickly packed my camera into my secure shoulder bag.

Vespas and other two-wheelers dominate the streetscape in the lively old town

Naples in May: pure sunshine and pleasantly warm temperatures. During these months, the Neapolitans live on the streets in the cafés, especially the young women (who, incidentally, are considered the most beautiful in the country). Our favourite place was a café on a small piazza below the conservatory in the old town, where a very advanced piano student (or his teacher??) was rehearsing a Beethoven sonata with the windows open. The acoustics at our table were magnificent. One could not have wished for a better concert venue, and so I could hardly tear myself away from this free sound experience.

Are the women from Naples really the most beautiful in the country?

We hadn’t set ourselves a fixed programme for our five-day holiday in and around Naples, so we wandered rather aimlessly through the old town with its millennia-old and eventful history; we visited the most beautiful churches, spent hours in the magnificent National Archaeological Museum, took the train to Herculaneum, visited Vesuvius and saw the Amalfi Coast and the magnificently situated but somewhat overcrowded Positano. For a street photographer like me, Naples is an ideal place, despite the risks mentioned above. And so we also strolled through those neighbourhoods that most travel guides warn tourists about.

At some point, we ended up in the park of the Villa Comunale and sat down on a park bench to enjoy the elegant beauty of the grounds. Shortly afterwards, three middle-aged men in dark suits came and sat down on a bench in front of a monument. I quickly raised my camera to capture the scene, because the three gentlemen looked and moved like the classic mafiosi imagined by naive foreigners. Then they tried to exchange two bags, but stopped immediately when they noticed me and my camera. Immediately afterwards, they disappeared while I innocently looked in another direction.

Three mafiosi on a park bench?

‘See Naples and die?’ – This saying (‘Vedi Napoli e poi muori’), which is probably centuries old, is often attributed to Johann Wolfgang Goethe, but is likely to be much older. Goethe wrote in his ‘Italian Journey’: ‘Naples is a paradise: everyone lives in a kind of intoxication of self-forgetfulness.’ This expresses the visitor’s amazement at the beautiful appearance of the city in no less clear terms. Today’s Naples does have an above-average crime rate in everyday life, especially when it comes to theft, pickpocketing and organised crime – but physical violence against tourists is not one of the systematic crimes and is not included in any official statistics.

And yet such attacks probably happen every day and are also reported. It happened to me in the last hours of our six-day stay on the way back to the hotel. I was standing on the pavement at a crossroads, wanting to take a step back to photograph a sleeping newspaper reader, when a motor scooter drove past me at high speed. The man on the back seat grabbed my camera and tried to snatch it out of my hand. But I had wrapped the camera strap so tightly around my wrist that the Vespa driver almost fell off the scooter and escaped without his loot, swerving all over the place. Five years later, my brother travelled to the city. He was beaten and robbed while taking photographs in a quiet alleyway. An expensive wristwatch was snatched from him. He was able to save his camera equipment.